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Freitag, 24.11.2017

„Scanner decken Straftaten auf”

Dr. Bertram Nickolay vom Fraunhofer Institut war Stargast auf der FMI-Jahrestagung in Salzburg

Dr. Bertram Nickolay, Fraunhofer Institut IPK, Berlin

Der Berliner Dr. Bertram Nickolay vom Fraunhofer Institut IPK war am Wochenende Gastreferent auf der FMI-Tagung in Salzburg, wo sich die Spitzen der Scanner- und Digitalisierungs-Industrie trafen. Nickolay leitet das weltweit beachtete "Stasi-Schnipsel-Projekt". Er und sein Team entwickelten eine Spezial-Software, die große Mengen zerrissener Papierschnipsel wieder zu lesbaren Dokumenten rekonstruiert. So werden bislang unerkannte Stasi-Verbrecher gejagt, die Täter aus DDR-Zeiten können somit leichter überführt werden. Unsere Strafverfolgungsbehörden, die Opferfamilien, Historiker und Politiker sind ihm hierfür sehr dankbar.
 
Die Stasi hinterließ von Hand zerrissenes, aber noch verwertbares Material, das in rund 16.000 Säcken gelagert wurde. In jedem Sack liegen in etwa zwischen 2.500 bis 3.500 zerrissene Blätter in Schnipseln. Grob geschätzt gibt es noch ca. 400 bis 600 Millionen Schnipsel, die etwa 40 bis 55 Millionen Blätter ausmachen. Der Bundestag bewilligte für das Pilotprojekt einmalig 6,3 Millionen Euro. Diese Summe war für den gesamten Zeitraum der Technikentwicklung und der Testphase mit der Zusammensetzung von Schnipseln aus genau 400 Säcken bestimmt. Kernstück der Digitalisierung von Schnipseln aus DDR-Zeiten ist die Puzzle-Software, der "e-Puzzler". Per Algorithmus gelingt es, anhand formaler Parameter der Schnipsel wie Farbe, Risskanten oder Schrift, aber auch den Metadaten aus den Raster-Codes die digitalen Informationen zusammen zu fügen und sie dann als zusammengesetzte Seiten abzubilden.
 
Was steht in den Dokumenten? Das Material stammt aus allen vier Jahrzehnten der DDR. Eine Vielzahl von Unterlagen war bereits für die persönliche Schicksalsklärung und Rehabilitierung von Bürgerinnen und Bürgern hilfreich. In der Rekonstruktion konnten zum Beispiel Dokumente der Bespitzelung und Verfolgung prominenter DDR-Oppositioneller wie Jürgen Fuchs oder Robert Havemann und des regimekritischen Schriftstellers Stefan Heym wiederhergestellt werden. Auch die Zusammenarbeit verschiedener inoffizieller Mitarbeiter (IM) mit dem MfS wurde durch rekonstruierte Akten belegbar. Auch Einblicke in die Dopingpraxis des DDR-Sportes oder die Grenzabsicherung 1961 wurden möglich. Zu den prominenteren Funden gehören auch die rekonstruierten Unterlagen zur in der DDR untergetauchten RAF-Terroristin Silke Maier-Witt. In den Dokumenten finden sich Pläne des MfS für den Verteidigungsfall, ein Untersuchungsvorgang zu einem Nazi-Kriegsverbrecher oder die Ausspähung der Friedensbewegungen in Ost und West. Dazu gehört auch eine umfangreiche Akte des Zuträgers IM "Schäfer", der in 1980er Jahre unter Oppositionellen aktiv war.
 
Wo steht die Rekonstruktion jetzt? Der Deutsche Bundestag hat 2015 weitere Mittel in Höhe von zwei Millionen Euro zur Verfügung gestellt und damit ein Signal für die Fortführung des Projektes virtuelle Rekonstruktion gegeben. Mit diesen Mitteln soll eine Scantechnologie errichtet werden, die schneller und präziser als bisher in der Lage ist, Schnipsel zu digitalisieren. Auch der Algorithmus des e-Puzzlers soll weiterentwickelt werden.
 
Dr. Nickolay ist ein interessanter Wissenschaftler, dessen Know-how in der ganzen Welt gefragt ist. Ob beschädigte Akten aus den Diktaturen von Pinochet in Chile oder Ceausescu in Rumänien, tausende uralter Papyri-Fragmente aus dem Ägyptischen Museum in Berlin, geschredderte Papiere, die Steuerfahnder beschlagnahmt haben, an allen Fronten sind er und seine Verfahren gefragt. Die Fraunhofer Scan-Software wird auch vom Stadtarchiv Köln genutzt, deren einst zu 90% verschüttetes Archivgut wiederherzustellen. Der damalige Bergungsleiter Dr. Ulrich Fischer berichtete bereits vor einigen Jahren beim FMI über die Kölner Tragödie. Der FMI brachten Fischer und Nickolay einst zusammen. Beide schätzen bis heute die wertvolle Netzwerkfunktion des Verbandes.

Montag, 12.06.2017 13:08 13:08 Alter: 165 Days